GEDICHTE

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Der Dampfer (1847)

– u – u – u – u
– u – u – u – u

tata – tata – tata – tata –
tata – tata – tata – tata
Ungeheuer! Todteskreisen
Wühlt in deinem Bauch von Eisen
„Z o r n e b o c k“ sollst du mir heißen!

tata – tata – tata – tata
tata – tata – tata – tata –
Werft ihm Kohlen in den Rachen
Seinen Grimm noch anzufachen
„H u j o“ schrillt der Pfiff des Drachen!

(rascher.)
tata – tata – tata – tata
tata – tata – tata – tata
Wolken aus dem Schlunde jagen
Krächzender des Athems Klagen
Kürzer seine Pulse schlagen!

(Rascher.)
tata – tata – tata – tata
tata – tata – tata – tata –
Wie sie fliegen, Wälder, Städte
Berge tanzen um die Wette
Um die Riesenwagenkette!

(Noch rascher.)
tata – tata – tata – tata
tata – tata – tata – tata
Flügel hat der Erde Schwere
Lappland liegt im Mittelmeere
Wo sie gleitet, die Megäre!

(Immer rascher.)

tata – tata – tata – tata
tata – tata – tata – tata
Wahr ists, was die Mährchen logen,
Daß der Mensch den Raum betrogen,
Meilenstiefeln angezogen!

(Prestissimo.)

tata – tata – tata – tata
tata – Tata – tata – tata –
Daß dem Geist, dem himmelskühnen,
Muß gebannt die Erde dienen,
Ruhen in des Willens Schienen –

(Langsamer.)
tata – tata – tata – tata
tata – tata – tata – tata
In mir kochen wilde Mächte,
Wuth und Todt sind ihre Rechte,
Doch ich bin der Herr der Knechte!

(Allmählich halt.)
tata – tata – tata – tata! –

 
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Vier Blumen

(An die Familie Schinkels)

Schon sah ich die Wälder herbstlich brau’n
Und den Fels um sich wickeln den Nebelshawl,
Da zog ich noch – mit vier edlen Frau'n
Empor im romantischen Bodethal;
Und als es nun kam zum Heimwärtsgeh'n
Zum Zaudern und Fragen nach Wiederseh'n,
Da dachte ich, daß unvergessen ich sei
Lege ich Jeder ein Blümchen noch bei!

Und da hatte ein Körnchen den Felsen gesprengt,
Und drängte ein Blümchen auf  rosenroth,
Da sprach die eine, wie herzbeengt:
„Das Blümchen gleiche dem Kind in der Noth,
„Und es käme doch fast grausam ‘raus,
„Machte man’s todt für einen Strauß“!
Der Einen die gesprochen so M u t t e r mild –
War ich, die H a i d e  zu schenken gewillt –

Und wie schön auch Susanne die Flöte sang,
Und Elisabeth das weiche Fagot,
M a r i e  mir doch nach dem Herzen rang,
Weil sie leidend folgte der Liebe Gebot,
Und am Flügel diente zum Piedestal, -
Den Schwestern bei dem schönen Choral:
Ihr hab ich, weil's trägt so verborgene Frucht,
Vom E n g e ls ü ß  um ein Blättchen gesucht.

Doch hoch aus der Trapp‘ in der Schluchten Thor
Da kukte ein nußbraun Auge so fein
Wie aus den Kesseln der Tiefe empor
Und fing die Hörner der Firsten sich ein.
An allem Schönen dies Auge sich übt,
Und durch Hand und Griffel es wiedergiebt!
Daß es bleibe, was ach! so schön mir schien
Sucht' ich für S u s a n n e  das  I m m e r g r ün

Doch noch ein Auge mit brauner Nacht
Hat Zauberkräfte in seinem Schein,
Daß es den Fehlenden besser macht,
Und erschüttert, je tiefer er blickt hinein!
Dies Auge kann beugen, wer Wildes denkt
Und trösten die Herzen, die sich gekränkt!
Da habe ich unter den Blumen geloost
Und auf die E l i s a b e t h  fiel – der A u g e n t  r o st.

 
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Ihr Grab

In diesen kleinen Räumen
Kennst Du mein Nachdirträumen,
Du kennst mein Stillversenken
In Dich, mein Deingedenken,
mein tödlich Dichvermissen,
Das mir das Herz zerissen!

Du weißt, was ich Dir schuldig,
Und wie ich ungeduldig,
Dir bald zu tausendmalen
Den alten Dank zu zahlen,
Und wie, wo keine Gränzen,
Ich Alles möcht' ergänzen!

Die Asche liegt wohl unten
In Kränzchen, Dir gewunden!
Umsonst hab' ich beschworen,
Die Gruft, da Du verloren!
Die wird den Staub verwenden
In allen Elementen! -

Und doch ist mir nicht bange,
Es währt gewiß nicht lange!
Wenn aufhört auch mein Sprechen,
Kann unser Ring nicht brechen:
D e n müßt' ich wenig kennen,
Glaubt' ich an ewig Trennen! -

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Geburtstagsgedicht an Luise

Hör’, es mochte doch gescheiter sein,
Daß wir hergereist sind alle beide.
Unterm Vierundsechzigsten der Breite
Schneit’ uns jetzt bereits der Winter ein.
Jenes reiche Leben scheint uns jetzt so schal!
Jene Titelgroßen wurden vor uns Zwerge,
Und die wahren Herzensriesen suchen wir im Tal!
Nimmer werd’ ich hier vom Neid gebissen,
Nimmer reizt ein Narr mich zum Pasquill,
Denn die Nachbarn wandeln ihren Weg so still,
Haben unterm groben Rock ein fein Gewissen,
Wollen immer, was die. Bibel will ...

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Die Grüne Kirche

Die Beter segne Gott in jenen Wänden!
Doch sind die Tempel all' von Menschenhänden
Nicht jenem heil'gen Hain erst nachgebaut?
Erst nachgebaut mit Grott' und Palmensäulen?
Und nicht in Vaters Urhaus sot' ich weilen,
Wo tiefer ihm mein Geist in's Antlitz schaut?

Dort oben winkt er mir im grünen Dome,
Dort säuselt er vorbei im Nadelstrome,
Und seiner Heerden Glocken läuten aus!
Und alle Stämme dieser Riesenföhren,
Sie steh'n im Felsenchor wie Orgelröhren,
und zu den Wipfeln fliegen Tön' heraus!

Und von den Zinnen schallt ein heilig Rufen,
Mit Psalmen steigt's hinan des Tempels Stufen,
Und selbst der Teich bewegt den feucthen Grund:
Nicht Vöglein sind's allein, die ihm lobsingen,
Auch von Unmünd'gen läßt er Dank sich bringen,
Und Fischlein tauchen auf mit stummen Mund!

Ja, selbst der Blätter Millionen regen
Wie Zungen sich, als ob sie von ih spräcen,
Und Weihrauch schwankt der Blumen Glockenschooß,
Die Ähre hebt die Finger zu Gebeten,
Des Felsens Wange seh' ich hoch eröthen,
Als ränge sich in ihm das Leben los!

Und sieh! der Vorhang rollt im Morgenthore
Empor; es tritt der Herr, vom Sängerchore
Begrüßt, zum flammenden Gebirgs-Altar!
Er schlägt sein Kreuz mit Blitzen uns entgegen,
Mit Donnerstimmen spricht er seinen Segen:
"Ich bin euch gnädig, wie ich's immer war!"

Und abendlich versinkt das Bild vom Sohne,
Und sinkt so bleich mit seiner Tannenkrone,
und sinkt so still hinab in rothem Blut!
Befohlen ist sein Licht in Vaterhände!
O wohl, wer sprechen kann bei seinem Ende:
"Es ist vollbracht und Alles, Alles gut!"

Doch eine Welt steigt aus so blut'gem Strahle,
Die Kerzen brennen schon am Abendmahle,
Des Himmels Tafel oben ist gedeckt!
O, liebes Wort, das auch da draußen tönet!
Blut' ich ihm nach, bin ich mit Gott versöhnet,
Wenn seine Gnade einst mich auferweckt!


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Der Stein im Teiche
Und wär' es auch nur Schein,
Daß wir in's Meer der Ewigkeit -- ein Stein --
Versänken ! -- doch mich der Gedank' erheitert
Daß er noch s i n k e n d seinen Kreis erweitert.


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